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Bildung – Rückgrat unserer Gesellschaft

Kitas notbetreut, Schulen am Limit, Jugendclubs weggekürzt, Kinderrechte missachtet – die Bildungskrise ist real! Sie betrifft uns alle, Kinder und Jugendliche spüren die Folgen jeden Tag. Doch wir dürfen nicht vergessen: Bildung ist veränderbar – und zwar gemeinsam.

Um Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen und um Mut zu machen, sich für Bildung zu engagieren, haben wir mit einer gesprochen, die es wissen muss: wichtige ist Bildungsaktivistin und -lobbyistin, Gründerin und Vorstandsvorsitzende der Stiftung Bildung – der Spendenorganisation, die dem zivilgesellschaftlichen Bildungsengagement bundesweit eine Stimme gibt.

Bildung aktuell – Interview mit Katja Hintze von der Stiftung gBildung // HIMBEER
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Über 40.000 Kita- und Schulfördervereine gehören zum Netzwerk. Sie berät Multiplikator:innen aus Politik, Wirtschaft wie auch dem Non-Profit-Bereich und setzt sich vor allem dafür ein, mehr für Bildung auszugeben und Kinder und Jugendliche stärker zu beteiligen.

Expertin-Interview zum Thema Bildung

Welche Empfehlungen gehen von der Stiftung Bildung derzeit an die Politik? Und welche bildungspolitischen Themen erfordern deiner Meinung nach aktuell größte Aufmerksamkeit?

Unsere zentrale Empfehlung lautet: Bildung muss konsequent vom Kind aus gedacht werden. Das bedeutet: Kinderrechte ins Grundgesetz, Bildungsengagement strukturell und finanziell fördern und Beteiligung junger Menschen verbindlich verankern. Es braucht verlässliche Rahmenbedingungen, Entbürokratisierung und dauerhafte Unterstützung.

Über 5,9 Millionen ehrenamtliche Bildungsengagierte und rund 40.000 Kita- und Schulfördervereine zeigen jeden Tag, wie wichtig ihnen beste Bildung für jedes Kind ist und wie viel Kraft in der Zivilgesellschaft steckt. Dieses Engagement ist gelebte Demokratie und Ausdruck davon, dass Bildung eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist und nur dann funktionieren kann, wenn Bundes- und Landespolitik, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft eng zusammenarbeiten.

Größte Aufmerksamkeit brauchen aus unserer Stiftung Bildung-Sicht derzeit vier Themen: Bildungsgerechtigkeit, Gesundheit, Engagementstärkung und Demokratiebildung. Dafür setzen wir uns ein.

Kürzlich hat Berlin den Zugang zum Gymnasium verschärft. Steht Leistungsorientierung über allem?

Leistung ist wichtig, aber wir müssen uns fragen: Was meinen wir mit Leistung? Wenn Leistung nur über Noten, Übergänge und Segregation definiert wird, verstärken wir strukturelle Ungleichheit. Das ist längst allen bekannt.

Berlin hat den Zugang zum Gymnasium verschärft, das heißt das Probejahr entfällt, stattdessen gibt es Probeunterricht. Das kann den Druck an diesem so sensiblen Übergang von Grundschule zur weiterführenden Schule erhöhen, gerade für Kinder, die zu Hause weniger Unterstützung bekommen.

Bildung aktuell – Interview mit Katja Hintze von der Stiftung Bildung // HIMBEER
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Visionär wäre ein Bildungssystem, das Potenziale erkennt, statt Kinder früh zu sortieren. Wir brauchen längeres gemeinsames Lernen, multiprofessionelle Teams, gute Ganztagsangebote, individuelle Förderung und Lernorte, an denen Kinder ihre Stärken entdecken und Selbstwirksamkeit erfahren.

Gute Bildung fragt nicht: Wer passt ins System? Sondern: Wie muss sich das System verändern, damit alle Kinder und Jugendlichen wachsen und bestmöglich (aus-)gebildet werden?

Dank der Bundesschüler:innenkonferenz hat die mentale Gesundheit von jungen Menschen Eingang in den Koalitionsvertrag der Bundesregierung gefunden. Was ist die Bundesschüler:innenkonferenz und was fordert sie?

Die Bundesschüler:innenkonferenz, wie sie seit kurzem heißt, ist die ständige Konferenz der Landesschüler:innenvertretungen in Deutschland. Sie arbeitet überparteilich und überkonfessionell und bündelt die Stimme der 11,5 Millionen Schüler:innen auf Bundesebene.

Dass mentale Gesundheit junger Menschen im Koalitionsvertrag verankert wurde, ist ein wichtiger Erfolg. Die Bundesregierung hat sich darauf verständigt, eine Strategie „Mentale Gesundheit für junge Menschen“ zu entwickeln. Das ist auch deshalb so bedeutend, weil junge Menschen selbst seit Jahren darauf aufmerksam machen, wie hoch Belastungen, Druck und Unsicherheit sind.

Die Botschaft ist klar: Mentale Gesundheit ist kein individuelles Problem einzelner Schüler:innen, sie zu stärken ist eine strukturelle Aufgabe von Bildungspolitik.

Demokratie beginnt in der Kita und in der Schule. Die Mehrheit der Schüler:innen wünscht sich mehr Mitbestimmung. Wie können Bildungseinrichtungen Kinder und Jugendliche Selbstwirksamkeit erfahren lassen?

Dass das eigene Handeln Auswirkungen hat, muss früh erlebt werden. Das beginnt schon in der Kita: mit Abstimmungen, Gesprächskreisen, Kinderkonferenzen, Mitentscheidung über Räume, Essenspläne, Ausflüge, Regeln oder Projekte. In Schulen braucht es echte Beteiligung bei Unterricht, Ganztag, Schulentwicklung und Bewertungskultur. Das ist Erleben von Selbstwirksamkeit und gelebte Demokratie!

Bildung aktuell – Interview mit Katja Hintze von der Stiftung Bildung // HIMBEER
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Wenn 74 Prozent der Schüler:innen sich mehr Einfluss auf Unterrichtsinhalte, Arbeitsformen und Bewertungsmaßstäbe wünschen, dann ist das ein klarer Auftrag. Beteiligung bedeutet nicht, dass Kinder alles allein entscheiden. Es bedeutet, dass sie gehört und ernstgenommen werden, dass sie erleben: Meine Stimme zählt, ich kann etwas verändern. Das Bildungsengagement sowie die Kita- und Schulfördervereine können hier viel ermöglichen, in dem sie junge Menschen beteiligen und ihre Ideen umsetzen.

Wie steht es aktuell um die Medienkompetenz von Erziehenden und Lehrenden in Deutschland? Stehen bald Verbote vor Aufklärung?

Natürlich brauchen Kinder und Jugendliche Schutz vor Desinformation, Cybermobbing, Suchtmechanismen und gefährlichen Inhalten. Aber Verbote allein schaffen keine Kompetenz. Wir brauchen den Dreiklang: Schutz, Befähigung und Teilhabe.

Die Daten zeigen: Digitale Kompetenzen und Bildungschancen sind in Deutschland stark sozial ungleich verteilt und hängen wie in kaum einem anderen europäischen Land von den Hintergründen junger Menschen ab, sprich vom Elternhaus. Zugleich erreichen laut Auswertung 40 Prozent der Achtklässler:innen nur rudimentäre digitale Kompetenzen.

Bildung in Berlin // HIMBEER
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Schüler:innen wünschen sich lebensnahe Medienbildung: Wie erkenne ich Desinformationen? Wie funktionieren Algorithmen? Wie schütze ich meine Daten? Wie nutze ich digitale Räume für Beteiligung und Demokratie? Hier können junge Menschen und Erwachsene generationenübergreifend voneinander lernen. Jugendliche bringen digitale Alltagserfahrung mit, Erwachsene Kontext, Werte und Verantwortung.

Bildungschancen und Gesundheit sind in Deutschland eng mit Herkunft verknüpft. Welche Maßnahmen gegen Kinderarmut würden helfen, Lebensqualität und Bildungsgerechtigkeit nachhaltig zu verbessern?

Kinderarmut ist Bildungsarmut, Gesundheitsarmut und Teilhabearmut. Wir brauchen eine verlässliche materielle Absicherung von Kindern und Familien, kostenlose oder bezahlbare Mobilität, gesundes Essen in Kita und Schule, kostenfreie Lernmittel, Zugang zu Kreativität, Kultur, Bewegung und digitalen Geräten sowie niedrigschwellige Gesundheits- und Beratungsangebote.

Besonders wirksam sind Maßnahmen, die direkt dort ankommen, wo Kinder leben und lernen: in Kitas, Schulen, Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen und -aktivitäten. Dazu gehören multiprofessionelle Teams, Schulsozialarbeit, Sprachförderung, psychosoziale Unterstützung, gute Ganztagsangebote, den Ausbau von Kinder- und Jugendhilfe und starke Kinder- und Jugendbeteiligung in der Gesellschaft bei allen sie betreffenden Fragen. Hier setzt die Stiftung Bildung dank Spenden der Unterstützer:innen starke Akzente.

Warum gibt es kein größeres Interesse an sehr guten Kitas und Schulen mit bester Ausstattung und hochqualifizierten Mitarbeitenden in Deutschland?

Wir haben ein sehr gutes Bildungssystem: Bildung ist kostenfrei. Alle Kinder haben ein „Recht auf Bildung“. Bildung soll junge Menschen zu mündigen Bürger:innen mit eigener Meinung ausbilden. Wir haben das duale Ausbildungssystem, um das wir weltweit beneidet werden.

Wir haben vielfältigste Bildungswege und auch eine sogenannte Durchlässigkeit, die es zu unterschiedlichen Lebenszeiten immer wieder ermöglicht sich weiterzubilden. Und: Bildung an sich ist ein hoher Wert in Deutschland.

Bildung aktuell – Interview mit Katja Hintze von der Stiftung gBildung // HIMBEER
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Und dennoch: Kinder haben keine starke Lobby. Sie wählen nicht, sie spenden nicht, sie sitzen viel zu selten an Entscheidungstischen. Deshalb sind ihre Rechte und Bedürfnisse nicht am politischen Verhandlungs- und Geldverteilungstisch präsent oder in der öffentlichen Meinungsbildung und im gesellschaftlichen Diskurs vertreten.

Das ändern wir als Stiftung Bildung, weil wir davon überzeugt sind, dass diese Systemveränderung Grundlage für beste Bildung für jedes Kind ist und gleichzeitig Voraussetzung schafft für Frieden und Problemlösungen als Weltgemeinschaft. Hinzu kommt: Bildung wirkt langfristig.

Politische Systeme belohnen aber häufig kurzfristige Effekte. Dabei ist gute Bildung die Voraussetzung für Demokratie, Fachkräftesicherung, Innovation und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Bildung ist die wichtigste Investition in die Zukunft und Zukunftsfähigkeit unseres Landes und der Welt.

Aktuell wird nicht nur in Berlin der Geburtenrückgang überdeutlich. Viele Kitas haben freie Plätze und suchen Kinder. Was bedeutet der demografische Wandel für Bildungseinrichtungen?

Der demografische Wandel ist Herausforderung und Chance zugleich. Wenn weniger Kinder in Kitas sind, darf die Antwort nicht lauten: sparen, schließen, abbauen. Vielmehr könnte der Wandel genutzt werden, um die Qualität zu verbessern: kleinere Gruppen, bessere Fachkraft-Kind-Relationen, mehr Sprachförderung, Inklusion, Familienarbeit und multiprofessionelle Teams.

Gerade jetzt können wir frühkindliche Bildung chancengerechter machen. Dafür braucht es politische Weitsicht. Freie Kitaplätze bedeuten für uns bessere Bildung für jedes Kind bundesweit.

Wie könnte ein zeitgemäßes Bildungssystem aussehen? Wie kann die Stiftung Bildung dazu beitragen?

Ein zeitgemäßes Bildungssystem ist vielfältig, chancengerecht, inklusiv, partizipativ und Nachhaltigkeit wird gelehrt und gelernt. Es trennt nicht zu früh. Es fördert gemeinsames Lernen, Teamgeist, Kooperation, stärkt Basiskompetenzen, unbedingt auch Kreativität, Medienkompetenz, Demokratiebildung, Fähigkeiten zum glücklichen Leben und Zukunftskompetenzen. Es arbeitet multiprofessionell, öffnet sich in den Sozialraum und sieht Schule nicht als reinen Lernort, sondern als Lebens- und Wohlfühlort.

Schule als Lern- und Lebensort // HIMBEER
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Der ab 2026 stufenweise geltende Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule ist eine große Chance, damit Ganztag zum bunten G(l)anztag wird, auch das Startchancen-Programm befürworten wir sehr.

Die Stiftung Bildung wirkt als Themenanwältin für beste Bildung für jedes Kind und alle jungen Menschen bundesweit und als gemeinnützige Spendenorganisation direkt an der Basis über das bundesweite Netzwerk des Bildungsengagements sowie der Kita- und Schulfördervereine.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium bzw. der Senatsverwaltung für Bildung? Sind Visionen in greifbarer Nähe?

Wir sind eine konstruktive, unabhängige Partnerin. Wir arbeiten auf Bundesebene mit den Bundesstrukturen und auf Landesebene mit den Landesstrukturen der Elternvertretungen, Schüler:innenvertretungen, der Kita- und Schulfördervereine zusammen.

Wir bringen die Betroffenenperspektiven und Expertisen aus dem Bildungsengagement ein: Was brauchen Kinder und Jugendliche, um gut lernen und leben zu können? Was erleben Kita- und Schulfördervereine, was erleben Bildungsengagierte vor Ort? Welche guten Lösungen haben sie?

Der Bildungswandel ist dringend notwendig. Wenn Politik zivilgesellschaftliches Bildungsengagement als Rückgrat unserer Gesellschaft anerkennt und strukturell einbindet, sind Visionen erreichbar. Dafür braucht es Mut, ressortübergreifendes Denken und eine verlässliche Finanzierung. Unsere Haltung ist: Bildung gelingt nur gemeinsam – mit Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Und vor allem: mit den Kindern und Jugendlichen selbst!

Die Expertin

Katja Hintze M.A. phil. ist Bildungsaktivistin und -lobbyistin, Gründerin und Vorstandsvorsitzende der Stiftung Bildung. Sie hat Philosophie, Diversity-Studies, Wirtschaftsethik und noch mehr studiert. Innerhalb der Plattform „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung vertritt sie die Stimme des zivilgesellschaftlichen Bildungsengagements.

Katja Hintze von der Stiftung Bildung // HIMBEER
Katja Hintze, Gründerin und Vorstandsvorsitzende der Stiftung Bildung © Klonk

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