© Romy Gessner

Vielfalt im Kopf

Von bunten Hüten und Rollenbildern. Das kreative Kunstprojekt „Gut behütet“ ermöglicht Kitakindern, eigene Ausdrucksformen zu finden und sich ohne Rollenbilder und Vorgaben frei zu entfalten.

Wir haben mit den Macherinnen gesprochen und nachgeschaut, wie Forschung und Praxis heute auf gendersensible Pädagogik blicken.

Vielfalt und Individualität sichtbar machen

Manchmal kann man an Kindern sehr schön beobachten, wie Freiheit entsteht: in diesen Situationen, wenn sie ausprobieren, wer sie sein wollen. Wenn sie in eine Rolle schlüpfen, die nur ihrem eigenen, momentanen, inneren Bild entspricht. Wenn es keinerlei Einschränkungen gibt, wie man zu sein hat oder wie nicht.

Wenn man nicht festgelegt wird; weder auf wild noch auf zart, laut oder still, mutig oder sanftmütig. Wenn alles nebeneinander stehen darf. Für uns Erwachsene klingt das fast utopisch. Für Kinder ist es selbstverständlich – solange man ihnen Räume gibt, in denen diese Selbstverständlichkeit Platz hat.

Vielfalt im Kopf – gendersensible Pädagogik in der Kita. Titelstory im HIMBEER Magazin April-Mai 2026
Für Noras Transformation, einem Mix aus Schneeleopard und Schneeeule, sind ihr die Federn enorm wichtig. © Romy Gessner

Das Projekt „Gut Behütet – Die Hut-Forscher*innen“

In der Berliner Fröbel-Kita Heureka in Alt-Treptow durfte eine Gruppe von Vier- bis Fünfjährigen über sechs Wochen lang ihre Individualität erkunden. Ihre Partnerinnen auf dieser Erkundungsreise: „Die _Forscher*innen“ aka Kulturvermittlerin Nadja Talmi, Designerin und Erlebnispädagogin Romy Gessner, in diesem Projekt begleitet von der professionellen Hutmacherin Anna Feifer.

Sie bauten dort eine kleine Hutwerkstatt auf: einen Experimentierort, gefüllt mit riesigem Material angebot und der Einladung, frei zu entwerfen und erfinden. Vordergründig ging es darum, Hüte selbst zu machen, doch im Kern berührt das Projekt etwas viel Tieferes: Fragen von Identität, Ausdruck, Sichtbarkeit und Vielfalt – und die Möglichkeit, eigene Vorstellungen in die Welt zu setzen.

Vielfalt im Kopf – gendersensible Pädagogik in der Kita. Titelstory im HIMBEER Magazin April-Mai 2026
Thalion liebt Objekte und Farben, an diesem blauen, changierenden Stoff führt für ihn kein Weg vorbei. © Romy Gessner

Solche offenen Gestaltungsräume gelten in der Forschung als wesentliche Grundlage geschlechterbewusster Pädagogik. Denn sie schaffen ebensolche Gelegenheiten, in denen Kinder selbst bestimmen können, wie sie spielen, gestalten oder sichtbar werden möchten.

Räume wie dieser werden gebraucht

Gendersensible Pädagogik ist in Deutschland längst kein Nischenthema mehr, wie man vielleicht vermuten könnte. Sie ist seit gut 20 Jahren ein klar formuliertes Bildungsziel. In nahezu allen Bildungsplänen der Bundesländer taucht Geschlechtergerechtigkeit als sogenannte Querschnittsaufgabe auf.

Dieser Begriff meint, dass diese Haltung den gesamten Kitaalltag durchziehen soll, vom freien Spiel über Raumgestaltung und Materialauswahl bis hin zu Sprache, Angeboten und Teamreflexion.

Vielfalt im Kopf – gendersensible Pädagogik in der Kita. Titelstory im HIMBEER Magazin April-Mai 2026
Sonne, Mond und Sterne: Anna weiß immer ganz exakt, was sie will und was nicht. © Romy Gessner

Studien wie beispielsweise die des Erziehungswissenschaftlers Prof. Dr. Tim Rohrmann zeigen, dass Fachkräfte häufig unbewusst unterschiedliche Erwartungen an Kinder richten. Jungen erhalten häufiger körperliche Freiräume, Mädchen mehr sprachliche Begleitung oder Fürsorgeangebote.

Das sind oft ganz kleine Signale, die im Alltag kaum auffallen, die jedoch langfristig prägen, wie Kinder sich selbst wahrnehmen und welche Möglichkeiten sie für sich sehen.

Die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Melanie Kubandt beschreibt dafür den Begriff der „reflexiven Haltungspraxis“: Teams, die sich regelmäßig hinterfragen, welche Bilder und Annahmen sie selbst mit in den Raum bringen, öffnen Kindern entsprechend größere Spielräume.

Auch jenseits vertrauter Rollenmuster. Entscheidend ist dabei aber tatsächlich nicht, dass Erwachsene Rollen ständig thematisieren, sondern vielmehr, dass sie Spiel- und Gestaltungsräume schaffen, in denen Kinder sich ohne stereotype Zuordnungen frei bewegen können.

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Clara ist fasziniert vom Nähen; sie legt sich voll ins Zeug für ihre erste eigene Blume aus Stoff. © Romy Gessner

Beobachtungsstudien und Praxisprojekte zeigen, wie wirkungsvoll das sein kann: In offenen, vielfältigen Umgebungen erweitern Kinder ihr Spiel- und Verhaltensspektrum deutlich. Mädchen probieren häufiger körperlich herausfordernde Aktivitäten, Jungen über- nehmen öfter fürsorgliche Aufgaben.

Viele Kinder werden mutiger, ausdrucksstärker und experimentierfreudiger. Sie erleben: Es gibt viele Arten, Kind zu sein.

Der Magic Safe Space

Wie sich dieses Erleben im Alltag zeigt, wird besonders dann sichtbar, wenn Kinder längere Zeit an einem Ort arbeiten können, der ihnen diese Vielfalt zutraut. Die Erfahrungen mit den Kindern in dem Kreativ-Workshop zeigen das allen Beteiligten recht eindrucksvoll.

In der Fröbel-Kita Heureka entsteht dieser Möglichkeitsraum als kleiner magischer Safe Space. Der Zauber passiert jeweils, wenn der Vorhang zu diesem Raum gelüftet wird. Für jedes der wöchentlichen Treffen befindet sich eine kleine andere Welt hinter diesem Vorhang. Zunächst wird sich einander vorgestellt und die eigenen Interessen erforscht.

Vielfalt im Kopf – gendersensible Pädagogik in der Kita. Titelstory im HIMBEER Magazin April-Mai 2026
Filip wird Weltraumkatze, zu der unbedingt so eine besondere Kette gehört. © Romy Gessner

Dafür lesen „Die _Forscher*innen“ gemeinsam mit den acht Kitakindern zwei wunderbar geeignete Bücher. Es geht los mit „Julian ist eine Meerjungfrau“, eine Geschichte über einen Jungen, der Meerjungfrau sein möchte und darin bestärkt wird, es einfach auszuprobieren.

Er kleidet und schmückt sich dementsprechend, mit einer Gardine als Flosse und Farnblättern als Haarschmuck. Seine Oma entdeckt ihn dabei, verurteilt ihn nicht. Stattdessen nimmt sie ihn mit zu einer öffentlichen Mermaid-Parade. Wundervoll!

Das Buch „Hier kommt Harry!“ dreht sich um einen Hasen, der total frustriert ist, dass alles so gleichförmig abläuft, alle sogar von denselben Dingen träumen (Karotten! ) – bis Harry irgendwann entscheidet, es anders zu machen als alle anderen und seinem
Traum (Disco!) nachzugehen.

Zum Entsetzen aller anderen Hasen tanzt er wild. Und unglaublich glücklich. Die Message: „Das Beste, was sich ein Hase wünschen kann, ist, er selbst zu sein.“ Schließlich traut sich jeder aus der Hasentruppe im Buch zuzugeben, dass sie alle unterschiedliche Träume haben: Häsin Hannah verrät, dass sie von Hüten träume. „Von fantastisch schrillen Hüten …“

Punktlandung: selbstverständliche Vielfalt

Nadja erzählt, dass die Bücher bei den Kindern sofort Resonanz ausgelöst hätten – weil sie Vielfalt zeigen, ohne sie zu erklären. Und genau das wirkt. Die Kinder verinnerlichen sofort, dass Wünsche, Träume oder Rollen nichts mit richtig oder falsch zu tun haben.

„Wir haben uns dann gemeinsam überlegt: Was lieben wir denn? Was finden wir toll? Wer würden wir heute gern mal sein?“, schildern die Macherinnen. Die Geschichten wirken wie geöffnete Türen. Was für eine grandiose Einladung.

Die Forschung bestätigt diese Erfahrung: Narrativen kommt eine zentrale Bedeutung zu, wenn es darum geht, Vielfalt zu normalisieren. Erzählungen, in denen Rollen spielerisch und selbstverständlich erweitert werden.

Nach dem Erkunden von dem, was Anna, Clara, Thalion, Oskar, Filip und Levi sowie Nael und Nora gern sein wollen würden – ein Bär, ein Schneeleopard, eine Schneeeule, um nur einige zu nennen – werden gemeinsam Materialen, Stoffe, Farben angeschaut.

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Oskar, einer der Jüngsten, liebt die Natur und Tiere. Mit seiner Kreation wird er zu einem starken Bär. © Romy Gessner

Plötzlich findet sich die Gruppe in einer Discosituation wieder, tanzt gemeinsam ausgelassen. Sie schauen sich mit den Materialien im Spiegel an und immer wieder purzeln Fragen: Wie fühlt sich das an für mich? Wie wirke ich? Beim nächsten Termin fertigen die Kinder zu ihren Ideen Collagen an.

Aus diesen wiederum entwickeln die Künstlerinnen ein Materialpaket: Welche Stoffe könnten interessant sein? Welche Arten von Bändern, Pailletten, Deko? Um von den Collagen ins Dreidimensionale zu switchen, kommt die Hutmacherin ins Spiel.

Eintauchen in eine Welt

Anna hat dafür ihr gesamtes Equipment mitgebracht. Hinter dem Vorhang öffnet sich so eine Hutwerkstatt. Durch das Erkunden der Hüte und Kopfbedeckungen tauchen sie mit Anna ab, „wie in eine Fantasiewelt“, so schildern es die Erwachsenen hinterher: Sie setzen sich die Hüte auf, schauen sich damit im Spiegel an, denken sich Dinge und Geschichten aus. Ein Zauber entsteht.

Auch das danach angeschaute preisgekrönte Bildersachbuch „Hüte“ von Karen Exner zeigt den Kindern, wie schier unendlich vielfältig dieser Kosmos sein kann. Gemeinsam fertigen sie nun je eine Unterkonstruktion für ihre individuellen Kopfbedeckungen an.

An Köpfen aus Styropor wird dann auf verschiedenste Art gearbeitet. Anna bringt ihr Wissen als Modistin mit und teilt das kreative Handwerk mit den Kindern. Dabei gehen alle nach den ganz eigenen Fähigkeiten.

Die Projektmacherinnen bemerken, dass sie hier äußerst unterschiedlich auf die Kinder eingehen können: Was interessiert dich persönlich? Was gefällt dir? Was können wir da anbieten, was auf dieses Interesse zutrifft und dazu etwas vorschlagen?

Thalion beispielsweise liebt dreidimensionale Objekte und Formen. Clara will unbedingt lernen, eine Blume zu nähen. Anna weiß immer ganz exakt, was sie will. Oskar nimmt erst die Beobachterrolle ein und wird dann zu einem Helfer.

Viele kleine Veränderungsprozesse

Die Künstlerinnen beobachten, wie sich im Laufe der Zeit bei vielen Kindern etwas verändert: eine Art innerer Mut, ein Selbstvertrauen darin, dass der eigene Weg richtig sein darf.

Je länger die Kinder im Workshop sind, desto größer wird ihr Möglichkeitsraum. Romy beschreibt, wie sich die Fantasie immer mehr weitet – und das ganz ohne irgendwelche Vorgaben: „Der Schlüssel war das Angebot an Materialien und die Offenheit.“

Als ein Kind ankündigt, einen Karottenhut machen zu wollen, verstehen sie: Das ist einer dieser grandiosen Momente, die deutlich machen, wie schnell Kinder eigene Bilder entwickeln, wenn ihnen niemand vorgibt, wie ein Hut auszusehen hat. Andere testen über mehrere Termine hinweg, wie sich etwas befestigen lässt oder stabil bleibt.

Manche Kinder arbeiten hand- werklich erstaunlich konzentriert, wie man es ihnen in ihrem Alter gar nicht immer zutraut. Sie beginnen, sich Dinge auszudenken, die vorher nie genannt wurden. „Wind!“, „Sonne!“, „Weltraumkatze!“

Auch scheint es, als begegneten sich die Kinder selbst neu. Manche werden mutiger, manche entschlossener, manche entwickeln ungeahnte Expressivität oder Ausdauer.

„Diese Projektarbeit über mehrere Termine zu ziehen, war für die Kinder neu – aber sie haben toll mitgemacht.“

Romy erklärt, dass Kinder normalerweise gewohnt sind, nach einem Bastelangebot ein schnelles Ergebnis mitnehmen zu können. Beim Hutprojekt hingegen entsteht erst nach mehreren Wochen eine fertige Form.

Vielfalt im Kopf – gendersensible Pädagogik in der Kita. Titelstory im HIMBEER Magazin April-Mai 2026
Das Meer und der Rochen aus dem Meerjungfrauenbuch bezaubern Levi. So entsteht die Idee zu diesem Hut. © Romy Gessner

Trotzdem kamen die Kinder jedes Mal mit Begeisterung – „Sie sind alle immer mit Freude gekommen“, sagt sie. „Sie waren ganz aufgeregt, haben uns angesprungen.“

Solche Prozesse gelten in der Forschung als beson- ders wertvoll: Selbstwirksamkeit entsteht vor allem dann, wenn Kinder erleben, dass Ausdauer sich lohnt, weil eine Idee wächst. Wenn Kinder selbst verstehen, was sie geschaffen haben.

Hutparty mit Parade

Am letzten Tag dann das Grande Finale: Gemeinsam werden Eltern und Freund:innen der Präsentierenden mit einer Parade abgeholt, zur eigenen Ausstellung und der Hut-Party.

Auch die Fotos entstanden hier. Ein Foto von sich machen zu lassen, war eigentlich kein obligatorischer Bestandteil des Workshops. Doch Anna erinnert sich an dieses Leuchten.

Vielfalt im Kopf – gendersensible Pädagogik in der Kita. Titelstory im HIMBEER Magazin April-Mai 2026
Das Universum inspiriert Nael so sehr, dass er selbst zur Sonne mit wundervoll goldenen Strahlen wird. © Romy Gessner

An den Stolz der Kinder auf ihre selbstgemachte Kreation. Und an ihre Ausstrahlung: Wie sie sich stark fühlten, in dem, was sie trugen. Das war nicht gespielt, sondern in dem Moment WAREN sie es einfach und wollten sich damit auch gerne zeigen.

Welch wertvoller Moment, in dem die Kinder erleben, dass ihre Ideen Bestand haben und gesehen werden. Diese Anerkennungsprozesse stärken Identität und Selbstwert.

Wir halten fest: Erfahrungsräume wie dieser vom Projekt „Gut behütet“ sind tolle Einladungen an Kinder, sich selbst zu erfinden. Kitas, die Vielfalt im Alltag sichtbar machen, eröffnen Kindern Wahlräume.

Chapeau! Und Kinder, die im Alltag erleben, dass ihre Ideen nicht eingeschränkt werden, entwickeln Mut und Selbstvertrauen. Möge ihr Leuchten noch lange nachglühen.

Projekt: Romy Gessner, Nadja Talmi, @_forscher.innen, Fotos: Romy Gessner

Das Projekt „Gut Behütet – Die Hut-Forscher*innen“ wurde gefördert vom Bezirksamt Treptow-Köpenick und dem Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung.

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