Die Sehnsucht nach einem anderen Leben im Süden, in der Natur, entschleunigt, mit mehr Sinneseindrücken und Sinn, kennen etliche Familien. Vielen genügt es, im Urlaub in andere Landschaften und Lebensweisen einzutauchen, andere wie Nadia und Raffael wagen tatsächlich einen Neuanfang. Zusammen mit ihren Kindern Malea und Amael sind sie nach Sizilien ausgewandert und haben einen wunderbaren Ort erschaffen.
Und das Gute: Ihr könnt hier nicht nur ihre Geschichte vom Auswandern nach Sizilien lesen – wer mal in ein anderes Dasein hineinschnuppern möchte, kann dort mit anpacken und Urlaub machen.
Auf neuen Wegen
Wenn morgens das erste Licht über die sizilianischen Hügel kriecht und die Olivenbäume silbern schimmern, beginnt der Tag bei Nadia und Raffael leise. Oft mit Kinderstimmen, manchmal mit dem Duft von Zitronen, immer mit dem Blick ins Weite. Malea und Amael sind schon wach, barfuß unterwegs, irgendwo zwischen Haus, Garten und neuen Ideen.

Dabei sah ihr Leben früher ganz anders aus. Eine günstige Genossenschaftswohnung in der Schweiz, sichere Jobs, ein Balkon mit Blick ins Grüne. Alles stimmte – zumindest auf dem Papier. „Es war ein gutes Leben“, sagt Nadia. „Aber es fühlte sich nicht vollständig an.“ Etwas fehlte. Freiheit vielleicht. Oder Zeit. Oder der Mut, den eigenen Bedürfnissen zu folgen.

Der erste Schritt hinaus aus dem Gewohnten beginnt mit einer Pause. Ein Sabbatical. Ein Jahr unterwegs, durch Südosteuropa und Südostasien. Mit Rucksäcken, Kindern und vielen Fragen.
Es ist ein Jahr voller Nähe und Unsicherheit, voller unbefestigter Straßen, improvisierter Lösungen und intensiver Momente. Für die Kinder ist es schnell Normalität. „Ich fand das gar nicht speziell“, sagt Malea heute, damals im Kindergartenalter. „Es war einfach unser Leben.“ Ihr drei Jahre älterer Bruder Amael erinnert sich an „ein langes Abenteuer, wie Ferien – nur ohne Ende“.
Einstieg ins Aussteigen
Zurück in der Schweiz bleibt die Sehnsucht. Die Weltreise war kein Ausflug, sondern eine Schule fürs Leben – auch für die Kinder. Die vier haben viel erlebt und gesehen auf ihrer Weltreise. Nicht alles ist einfach, es gibt einige unerwartete Hindernisse, spontane Problemlösungen und Planänderungen, doch die Kinder machen alles mit, sind wie ihre Eltern stets offen für neue Erfahrungen und Erlebnisse.

Ein prägendes Jahr. Und ein krasser Kontrast zum durchgetakteten Alltag in der Schweiz. Im Hinterkopf haben Nadia und Raffael immer seine schwere Herzoperation in den Anfangsjahren ihrer Beziehung, als ihm notfallmäßig eine neue Herzklappe eingesetzt werden musste.
Damals stand sein Leben bereits einmal auf der Kippe, wurde alles auf die Probe gestellt „Da wurde uns klar“, sagt er leise, „wenn wir etwas wirklich wollen, dann nicht irgendwann. Sondern jetzt.“

Kurz nach ihrer Rückkehr in die Schweiz tauchen Fotos auf. Gesendet von einer Freundin, selbst Aussteigerin. Sizilien. Berge. Kaktusfeigen. Olivenbäume. Eine eigene Quelle. Ein verwildertes Grundstück, irgendwo im Hinterland.
Nadia und Raffael reisen für zwei Nächte hin. Schlafen im Zelt. Essen Tomaten direkt vom Strauch. Laufen zu Fuß 40 Minuten den Berg hoch ins nächste Dorf, fühlen sich wohl mit Land und Leuten. „Es war sofort klar“, sagen beide. „Das ist unser Ort.“
Kein einfacher Weg
Doch das Geld ist knapp, der Kauf kompliziert, auch wenn Nadia dank ihres italienischen Vaters die Staatsbürgerschaft besitzt, die Zukunft ungewiss. Ein Jahr lang sparen sie, verzichten, planen, investieren jeden Cent in ihren sizilianischen Traum.

Dann fahren sie los – mit Wohnmobil, ihren Kindern, Eltern und Geschwistern. Die ersten Monate sind improvisiert. Sie wohnen im Camper, laufen steile Wege, kochen auf engstem Raum, arbeiten körperlich hart von früh bis spät, verbringen den ersten Winter ohne Heizung.
Und sie öffnen von Anfang an ihre Türen. Freund:innen kommen. Dann Fremde. Helfer:innen. Menschen, die bleiben, mit anpacken, Teil des Ganzen werden. „Manchmal haben wir für zwanzig Leute gekocht“, erinnert sich Nadia lachend. Olivenhaine wollen gepflegt, Terrassen gebaut, Mauern instand gesetzt werden.

Gebaut wird mit Hilfe von YouTube-Videos, Mut und sehr wenig Erfahrung. „Wir hatten keine Ahnung – weder vom Bauen noch von Landwirtschaft“, sagt Raffael, der studierte Sozialpädagoge, „aber viel Erfahrung mit Menschen.“
Gemeinsam weiterkommen
Es entsteht ein lebendiges Geben und Nehmen. Wer hilft, darf bleiben. Wer bleibt, bringt Neues mit. Aus Besucher:innen werden Freund:innen. Aus Arbeit Gemeinschaft. „Die Summe ist mehr als die Einzelteile“, sagt Nadia.

Finanziell bleibt es unsicher: Die Familie lebt von Menschen, die für Kost und Logis mitarbeiten, von selbst gemachtem Olivenöl, Marmeladen, Likören, Cremes, Seifen, die sie vor Ort, online und im Winter selbst auf Weihnachtsmärkten in der Schweiz verkaufen.
Reich im klassischen Sinn sind sie nicht. Aber reich an Zeit, Natur und Verbindung. „Eigentlich ist es ein Luxusleben – Freiheit, Natur, Gemeinschaft “, meint Nadia.

Das zeigt ihnen auch die nächste Prüfung: Mitten im Hausbau braucht Raffael erneut eine Herzoperation mit all ihren Risiken. Danach darf er drei Monate nichts heben, muss sich lange schonen. Die Gemeinschaft trägt. Gäst:innen übernehmen Aufgaben, Nadia wächst in Rollen hinein, die sie nie geplant hatte.
Plötzlich ist sie, die einst Soziale Arbeit studierte und eine Ausbildung in soziokultureller Animation hat, Bauleiterin. Es gibt Existenzsorgen, Erschöpfung, Zweifel. Und Dankbarkeit. „Viel länger hätten wir das nicht geschafft“, sagt Raffael. „Aber dann konnten wir aufatmen.“ Das Haus ist fertig,
die Familie angekommen.


Auch für die Kinder hat sich das Leben eingespielt. „Am Anfang war es schwierig“, erzählt Malea. „Wir sind oft hin- und hergezogen, erst im Wohnmobil, dann im unfertigen Haus.“ Die Schweiz vermissen sie kaum.
Einsam ist es bei ihnen vor allem im Sommer nicht, wenn neue und wiederkehrende Besucher:innen das Leben auf dem großen Grundstück, das nach und nach mehr Unterkünfte von Blockhaus über Tiny House bis Glampingzelt bietet, bereichern.

Nadia, Raffael, Malea und Amael freuen sich über Menschen, die mit offenem Herzen kommen. Die neugierig sind, Lust haben, etwas Neues zu erleben, die achtsam mit sich selbst, mit anderen, mit den Tieren und mit diesem Ort umgehen.
Die Kinder heißen natürlich besonders gerne Besucher:innen in ihrem Alter willkommen. Umso mehr, wenn diese Abenteuer lieben, gerne lachen und viele Witze kennen. Im Laufe der Zeit haben sie so schon einige tolle Menschen kennen und schätzen gelernt – und sich wieder von ihnen verabschiedet.

Aber auch vor Ort haben die beiden inzwischen Freund:innen, spielen viel draußen, leben mit der Natur. Amael genießt das freie Lernen. „Ich mag es, dass ich selbst entscheiden kann, wann ich lerne“, sagt er. Apropos Lernen – nicht nur die Kinder, auch die Erwachsenen wissen zu schätzen, was sie dieses neue Leben, dieser besondere Ort und die Begegnungen dort lehren.
Für statt wider
Selbstversorger:innen zu sein bedeutet für sie nicht, alles zu können oder alles richtig zu machen. Es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Für die Nahrung. Für den Lebensraum. Für die Spuren, die man hinterlässt.
Die Kinder wachsen mitten in diesen Prozessen auf. Sie erleben, dass Lebensmittel nicht aus dem Supermarkt kommen, dass Arbeit unmittelbar Sinn ergibt, dass Fehler dazugehören. Sie sehen, dass man scheitern, neu anfangen, daran wachsen kann.

Sie werden frei unterrichtet, dabei hilft die pädagogische Erfahrung ihrer Eltern – Raffael hat ein Lehrerdiplom, beide haben lange mit Jugendlichen gearbeitet.
Manche Kreise schließen sich fast poetisch: Raffael, der einst als Student in einem Theaterstück einen sizilianischen Olivenbauern spielte, verkauft nun eigenes Olivenöl. Nadia, die als Kind Traumhäuser mit Rutschbahn am Pool malte, bekommt genau das.

Was bleibt, ist die Erfahrung, dass Mut trägt. Und dass Gemeinschaft mehr sein kann als ein schönes Wort. Und dass sie gefunden haben, was ihnen fehlte. „Wir sind nicht ausgestiegen“, sagt Nadia. „Wir sind eingestiegen – ins Leben.“
Eine Erholungsoase
Wie beglückend es in diesem Naturparadies im Nordosten Siziliens tatsächlich ist, wie gut einem Ruhe, Entschleunigung und Einklang mit der Natur tun können, hat Fotograf Thomas Kierok letzten Sommer erlebt, als er dort mit seinen beiden Söhnen Urlaub machte und uns einen großen Schatz an Bildern und Eindrücken mitbrachte.

Viele gemeinsame Momente haben sie auf dem weitläufigen Gelände inmitten von Oliven-, Obst-, Zitrus- und Nussbäumen genossen: am Feuer sitzend und erzählend, im Pool treibend und in den Himmel schauend, den Blick in den Sonnenuntergang und den Sternenhimmel genießend. Reichlich Raum und Zeit zum Rückzug und Besinnen.

Ob Familienurlaub oder für eine Auszeit, zum Neuorientieren, Arbeiten oder einfach, um mal den Kopf frei zu kriegen – die Beweggründe der Besucher:innen sind so vielfältig wie die Möglichkeiten, die sich ihnen bieten. Wichtig zu wissen: Man sollte gut zu Fuß und in Kondition sein, die Wege sind weit und mitunter recht steil.

Über die sizilianische Landschaft mit ihren speziellen Farben und Lichtstimmungen hinweg kann man das Meer erblicken, das sich in 15 Minuten mit dem Auto oder mit einer etwa anderthalbstündigen Wanderung ein Flussbett entlang erreichen lässt.

Es gibt einen Fußballplatz, etliche Wanderwege und einen Fluss mit Wasserfall und Staubecken in der näheren Umgebung. Und mit dem Ätna, Taormina und der Isola Bella liegen einige interessante Ausflugsziele innerhalb eines Umkreises von weniger als einer Stunde Fahrtzeit.
Neue Perspektiven
Die Kosten für einen Aufenthalt im Blockhaus, Tiny House oder Glampingzelt sind moderat – zudem gibt es das Angebot, gegen Mithilfe bei Baumpflege, Ernte, Garten- oder Bauarbeiten umsonst zu wohnen oder auch zu essen. „Urlaub gegen Hand“ nennen Nadia und Raffael es – eine wertvolle Möglichkeit, nicht zuletzt für Jugendliche und junge Erwachsene, die gerade auf der Suche nach ihrem eigenen Weg sind.

Aufgrund ihrer beruflichen Erfahrungen sind Nadia und Raffael qualifiziert, Timeout- und Coaching-Plätze anzubieten, die in Zusammenarbeit mit Jugendhilfe-Institutionen, aber auch als Privatpersonen angefragt werden können.
Nadia und Raffael sind ausgebildet in Selbstmanagement-Trainings nach dem Zürcher Ressourcenmodell (ZRM) sowie lösungsorientierter Sozialberatung. So finden auch Erwachsene bei ihnen das Angebot, in ihrer persönlichen Entwicklung ruhig, achtsam und professionell begleitet zu werden.

Ob ihr die Coachings in Anspruch nehmt, den Ort für eine Auszeit oder einfach für einen naturnahen Familienurlaub nutzt: Der Aufenthalt dort kann mehr sein als pure Erholung – eine Zeit, um innezuhalten und sich mit Themen zu beschäftigen, die einen vielleicht schon lange begleiten und um neue Perspektiven zu entdecken.
Alle Infos zu Unterkünften und Workshops findet ihr unter sizilienzeit.com und instagram.com/sizilienzeit.
Durchatmen
Wer selbst schon mit dem Gedanken gespielt hat, auszuwandern und ein neues Leben zu beginnen, ahnt: Es ist kein romantischer Sprung ins Unbekannte, sondern ein Weg, der Mut, Ausdauer und innere Klarheit verlangt. Ein Schritt wie jener von Nadia und Raffael bedeutet, gewohnte Sicherheiten hinter sich zu lassen – finanzielle Stabilität, vertraute Strukturen, soziale Netze, oft auch ein Stück Identität.
Bevor eine Familie diesen Weg einschlägt, ist es entscheidend, sich ehrlich mit der eigenen Motivation auseinanderzusetzen. Geht es um Flucht vor etwas, oder um eine bewusste Neuausrichtung? Nadia und Raffael wussten ihr Leben in der Schweiz zu schätzen.

Ihre Entscheidung für den Umzug nach Sizilien war kein Weglaufen, sondern ein Schritt hin zu einem anderen, erfüllteren Leben. Diese innere Haltung macht einen großen Unterschied – besonders in schwierigen Momenten.
Ebenso wichtig ist es, Erwartungen offen auszusprechen. Innerhalb der Paarbeziehung, aber auch gegenüber den Kindern. Auswandern verändert Rollen, Dynamiken und Abhängigkeiten. Dinge, die früher selbstverständlich waren, müssen neu ausgehandelt werden: Arbeit und Verantwortung, Nähe und Rückzug, Stabilität und Flexibilität.
Kinder brauchen dabei keine perfekten Antworten, sondern Erwachsene, die zuhören, erklären und ihre Gefühle ernst nehmen. Auch die praktischen Seiten wollen bedacht sein. Finanzen, Bildung, Gesundheitsversorgung, Sprache, rechtliche Rahmenbedingungen – all das verschwindet nicht, nur weil die Sonne häufiger scheint.
Gerade als Familie lohnt es sich, realistisch zu planen, Puffer einzuplanen und nicht alles auf einmal verändern zu wollen. Ein neues Land verlangt Geduld. Integration braucht Zeit. Rückschläge gehören dazu.
Nicht zuletzt bedeutet Auswandern, Abschied zu nehmen. Von Menschen, von Routinen, von einem Teil des eigenen Selbst. Trauer und Zweifel sind kein Zeichen von Scheitern, sondern Teil des Prozesses. Wer sie zulässt, statt sie zu verdrängen, schafft Raum für echtes Ankommen.
Was hilft, ist eine innere Beweglichkeit. Die Bereitschaft, Pläne anzupassen. Hilfe anzunehmen. Fehler zu machen. Und immer wieder zu prüfen: Dient uns dieser Weg – als Einzelne, als Paar, als Familie? Der Schritt von Nadia und Raffael zeigt, dass Auswandern nicht die Suche nach einem besseren Ort ist, sondern nach einem stimmigeren Leben.
Ganz gleich, ob ihr mit euren Kindern naturnah urlauben, euren Heranwachsenden eine Gap-Zeit ermöglichen möchtet oder selbst eine Neuorientierung sucht – ein Schritt aus dem Gewohnten heraus, hinein in eine Auszeit ist immer eine gute Idee: Entspannen, durchatmen und gewappnet zurückkehren oder zu neuen Wegen aufbrechen.
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