© Chriz Merkl

Kinder sind freie Radikale

Wie ein großes Spinnennetz ziehen sich Linien über das zukünftige NYX-Hotel in der Hofmannstraße 2 in Obersendling. Statt einer Spinne krabbeln allerdings zwei Männer darin herum – bewaffnet mit Sprühdosen und Atemschutzmasken. Über zwei Wände zieht sich das riesige Kunstwerk, gestaltet und umgesetzt von Daniel Man und Rafael Gerlach. Die beiden Künstler kommen aus der Graffiti-Szene und sind auch unter den Namen Codeak und SatOne bekannt. Ihre Bilder sind Auftragsarbeiten, werden weltweit in Museen und Galerien ausgestellt. Codeak gibt auch regelmäßig Graffiti-Workshops für Kinder und Erwachsene. Mit HIMBEER sprach er über Radikale, die Neuen Wilden, Zusammenspiel und Münchens Prinzessinnenschlaf.

Ihre Bilder sind Auftragsarbeiten, werden weltweit in Museen und Galerien ausgestellt. Codeak gibt auch regelmäßig Graffiti-Workshops für Kinder und Erwachsene. Mit HIMBEER sprach Daniel Man über Radikale, die Neuen Wilden, Zusammenspiel und Münchens Prinzessinnenschlaf.

Die Wand, die du hier zusammen mit SatOne gestaltest, ist über 20 Meter hoch und 40 Meter breit. Da braucht ihr recht lange Arme?

Sehr, sehr lange Arme. Deswegen haben wir uns Hilfe geholt und fahren mit kleinen, mobilen Kränen an der Wand entlang. Damit kommen wir in jede noch so entfernte Ecke.

Angst vor Polizei müsst ihr nicht haben?

Nein. Die Zeiten sind lange vorbei. Wir arbeiten beide als Künstler. Ich war allerdings auch früher kein großer Bomber, der sich an Züge rangemacht hat. Ich konnte und wollte mir einfach mehr Zeit für meine Bilder und Tags nehmen, galt als Schönmaler und hatte nicht unbedingt so die „street credibility“ in der Graffiti-Szene.

Hat sich die Szene im Laufe der letzten 30 Jahre verändert?

Auf jeden Fall. Gerade hier in München. Mitte der 1980er-Jahre schwappte Graffiti nach Deutschland rüber, da ging es in München ganz schön zur Sache. Mit Leuten wie Won ABC oder Loomit. Nicht nur mich haben damals Filme wie „Beat Street“ oder „Wild Style“ und Bücher wie „Subway Art“ beeindruckt und bestärkt – die haben eine wahre Tsunami-Welle ausgelöst. Damals gab es in München U-Bahnstationen, die komplett zugebombt waren, wo es nicht mehr einen freien Fleck gab – die Rolltreppen, Bänke, Wände und der Bahnsteig waren einfach vollgesprüht. Dementsprechend wurde das Polizeiaufgebot höher und die Strafen härter. Das waren wilde Zeiten. Heute ist München sehr ruhig und saturiert, viel Geld und Wohlstand breitet sich aus. Da bleibt kaum noch Raum für Subkultur oder Protest. Mittlerweile befindet sich München in einem Prinzessinnenschlaf – bis auf wenige Ausnahmen ist alles recht brav.

© Chriz Merkl

Du bist in London geboren.

Genau, das war 1969. Meine Eltern kamen aus Hongkong nach London. Als ich etwa acht Jahre alt war, sind wir nach Augsburg gezogen. Meine Eltern haben dort ein Restaurant eröffnet. Sieben Jahre später hatte ich dann meine erste Sprühdose in der Hand.

… und auch schon mal Handschellen um die Handgelenke gehabt?

Nein. Wie gesagt, ich war nie so der Radikale. Nach der Schule absolvierte ich eine Ausbildung zum Siebdrucker, habe mich danach mit 24 Jahren selbstständig gemacht und ganz offiziell als Graffiti-Sprüher mein Geld verdient – irgendwelche Wände für Privatpersonen oder Tanklastwagen für eine Spedition in Augsburg bemalt. Das lief ganz gut. 1997 bin ich zu meiner damaligen Freundin nach Hildesheim gezogen und habe an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig bei Walter Dahn studiert. 2004 erhielt ich dann das Stipendium des Bayerischen Staatsministeriums für Kunst und Wissenschaft und landete an der Akademie der Bildenden Künste München in der Klasse von Markus Oehlen. Er wird, wie Dahn, zu den „Neuen Wilden“ gezählt, die durch ihre subjektive, unbekümmerte und lebensbejahende Malerei in den frühen 1980er-Jahren für Aufsehen sorgten. Da habe ich mich sehr wohl und verstanden gefühlt.

Worauf legst du bei deinen Workshops wert?

Jeder Workshop sollte Spaß machen. Gerade die Kinder sind sehr pur und rein und ihr schöpferischer Geist ist unbändig. Sie sind freie Radikale, die einfach loslegen und nicht viel nachdenken. Dafür muss man ihnen allerdings einen Rahmen schaffen. Sie brauchen Raum, um sich zu bewegen, zu entfalten und auszuleben. Das ist auch bei
Graffiti sehr wichtig. Da gibt es keine große Vorgaben oder Regeln.

Dann wird bei dir wild drauf los gesprüht?

So eine Dose übt schon einen besonderen Reiz aus – nicht nur auf Kinder, auch auf Erwachsene. Weil man eben sofort sieht, was entsteht, wenn man ein paar Linien zieht. Nur wegradieren kann man die nicht. Aber wir stehen bei den Workshops auch nicht an einer Wand. Die Kinder überlegen sich erst einmal, was sie wirklich zeichnen oder malen wollen. Das wird dann vom Papier auf eine Folie übertragen und ausgeschnitten. Mit der Schablone sprühen wir das dann auf eine Leinwand. So tauchen wir in kleinen Schritten in die Graffiti-Welt ein. Da arbeite ich gerne mit dem Kinderkunsthaus in München zusammen. Meine aktuellen Projekte lassen mir gerade leider keine Zeit für Workshops. Da müssen sich die Kinder und Erwachsenen etwas gedulden.

Ist Graffiti etwas für Einzelkämpfer?

Natürlich macht jeder sein Ding, sein Tag, sein Bild. Auch in den einzelnen Graffiti-Crews, die zusammen auftreten und malen. Aber bei all dem Ego sollte niemals das Miteinander verloren gehen oder vergessen werden. Das ist mir ganz wichtig. Das vermittle ich auch meinen drei Töchtern, die alle gerne malen und zeichnen. Zusammen sind wir stärker, da entsteht eine gute Energie. Und das funktioniert nur mit Rücksicht und Verständnis. So wie ich jetzt mit SatOne zusammenarbeite. Wir gestalten etwas Gemeinsames und freuen uns auf das Resultat.

© Maximilian Geuter

Weitere Infos zu Daniel Man, zu Graffiti und Workshops: www.muenchengraffiti.de, www.kinderkunsthaus.de, www.albertross.de, www.step2diz.de