littleART in München

STADTGESTALTEN München – "Kunst braucht keine Sprache – ist frei, bunt und grenzenlos" Elena Janker gründete eine Kindergalerie in München, um das kreative Potential junger Künstler zu fördern.

In der imposanten Eingangshalle des altehrwürdigen Künstlerhauses am Lenbachplatz befindet sich eine unscheinbare Türe. Sie führt zu einem engen Treppenhaus, in dem Kunstwerke an den Wänden hängen und feinster Marmor den Boden ziert. Unterhalb des Treppengeländers befindet sich ein buntes Klebeband, das bis in die dritte Etage hinaufreicht. Es führt zu einem besonderen Raum, ins sogenannte Raumschiff von „little ART“ – eine gemeinnützige Organisation zur Förderung der Kreativität von Kindern und Jugendlichen.

Das Raumschiff hat weiße und teils leuchtende Metallwände. Rechts führt eine Wendeltreppe auf eine Galerie, der Boden ist grau und glatt. Eine Rampe verläuft zu einer Bühne, auf der so etwas wie ein Androide steht, an dem gerade Marara und Nele (beide 17 Jahre alt) herumbasteln. Seine äußere Hülle besteht aus goldenem und silbernem Papier, dünne Drähte ragen aus seinem Kopf – er könnte ein Verwandter von C-3PO aus Star-Wars sein. Die Wände sind mit Bildern übersät und es stehen große Gläser mit Stiften und Pinseln herum. An einem weißen Tisch vor einem weißen Computer, die Kommandozentrale des Raumschiffes, sitzt eine Frau mit langen, blonden Haaren. Sie heißt Elena Janker und ist die Gründerin und Leiterin von „little ART“.

„Unser Raumschiff war früher mal ein Marionettentheater“, sagt Janker und lächelt. „Jetzt spielen hier allerdings Kinder die Hauptrolle.“ In einem Raum ohne Grenzen, ohne große Anhaltspunkte und Ablenkungen. „Niemand macht ihnen Vorschriften oder setzt ihnen ein Muster vor die Nase“, erklärt sie. „Sie können sich völlig frei bewegen, ihre Kreativität entdecken, spüren und zum Ausdruck bringen. Das fördert das Selbstvertrauen, löst Hemmungen und Ängste.“

Über 600 kleine Künstler spricht „little ART“ jeden Monat in München an, veranstaltet Workshops in Schulen, Kindergärten, Flüchtlingsunterkünften, Förderzentren, heilpädagogischen Tagesstätten und eben im Raumschiff. Dazu gesellen sich mittlerweile über 250 Partner wie Museen, Institutionen, Stiftungen, Krankenhäuser und Schulen, mit denen Elena Janker Kunstprojekte gestaltet. Allerdings nicht nur in München.

Ihr künstlerisches Netzwerk zieht sich von Tokio und Sydney über Seoul, Hongkong, Moskau und Paris bis nach New York. Genauso lässt sie Kinder in Uganda, Simbabwe, Afghanistan, Indien, dem Iran, Mexiko oder mitten im Amazonasgebiet von Ecuador zu Papier und Farben greifen.

„Über die Stiftung Amazonica hatte ich Kontakt zu Domingo, dem Häuptling der Achuar-Indianer, aufgenommen“, erklärt Janker. Die Kinder seines Stammes hätten dann auf über 40 Zeichnungen mit Kohle, Pigmenten und Lehm Geschichten aus ihrem Leben im Dschungel erzählt. „Dazu haben unsere Kids in München eine Krone, Kleidung und einen Altar gestaltet“, sagt sie. So entfalte sich nicht nur die Kreativität der Kinder. Sie lernten auch etwas über indigene Völker, deren Kultur und bedrohte Umwelt.

Eines der bislang größten Projekte von „little ART“ fand 2006 in der kleinen Olympiahalle statt: Über 3.000 Kinder aus aller Welt malten vier Tage lang auf eine 212 Meter lange und drei Meter breite Flagge eine Friedensbotschaft, die später am Münchner Olympiaturm gehisst wurde. Die Galeriegründerin schwärmt: „Kunst braucht keine Sprache – ist frei, bunt und grenzenlos.“

Das gefiel Elena Janker schon vor 38 Jahren. Damals im Garten ihres Großvaters in Bankja, 20 Kilometer von Bulgariens Hauptstadt Sofia entfernt. „Ich habe schon als Kind sehr gerne gemalt. Aber alleine macht das natürlich nicht so viel Spaß“, erinnert sie sich. „Und so habe ich die Nachbarskinder zusammengetrommelt. Wir haben gespielt und gemalt, unsere Kunstwerke an eine Wäscheleine gehängt – das war unsere Galerie. Da war ich zehn Jahre alt.“

Eine echte Künstlerin wollte Elena damals jedoch nie werden. 1992 ging die Germanistik-Studentin mit einem Stipendium in der Tasche von Sofia nach Saarbrücken und 1994 nach München. Dort kam fünf Jahre später ihr Sohn Alexander auf die Welt. Der weckte Kindheitserinnerungen aus Bankja und brachte sie zum Malen zurück. Und so ist sie doch noch eine echte Künstlerin geworden. „Für mich hat meine eigene Kunst allerdings nicht die oberste Priorität“, sagt Janker, „die Kinder stehen ganz klar im Vordergrund. Sie beleben und inspirieren mich mit ihrer Kreativität.“

Am Anfang radelte Elena Janker mit ihrem Sohn durch die Straßen von München mit einem Korb auf dem Gepäckträger, in dem Farben, Papierrollen und Pinsel waren. „Auf Spielplätzen habe ich dann die Kinder gefragt, ob sie mit uns malen wollen“, erzählt sie. Das Interesse war groß. 2002 funktionierte die junge Mama ihr Wohnzimmer zu einem offenen Atelier um, in dem immer mehr Jungs und Mädels herumtobten.

In einer alten Bäckerei ging es 2006 weiter, doch auch diese Räume wurden zu klein. Seit 2012 ist „little ART“ nun im Münchner Künstlerhaus untergebracht. Fünf Künstler unterstützen die ambitionierte Leiterin bei den Workshops für die drei- bis 18-Jährigen, die tagsüber auf dem Programm stehen. „Abends kümmere ich mich um neue Projekte, Partner und finanzielle Unterstützung. Denn wir sind weiterhin auf Spenden angewiesen.“

Farben und Materialien stellt „little Art“ bei seinen Workshops im Raumschiff zur freien Verfügung, für Kinder aus sozial schwachen Familien sogar kostenlos. Kleinen Künstlern werden dabei unterschiedliche Mal- und Gestaltungstechniken nahegebracht. Aus Plastik, Holz, Metall, Gips, Farben oder Papier entstehen so Fantasiegestalten, Bilder, Skulpturen und Rauminstallationen. Wie der Androide von Marara und Nele, der Teil einer neuen Ausstellung sein wird.

Jeden Donnerstag läuft das „offene Atelier“ von 14 bis 17 Uhr, bei dem Kinder und Jugendliche in das Kunstprojekt hineinschnuppern können. „Große Künstler wollen wir bei little ART nicht produzieren“, sagt Janker. „Es geht um Freiraum und Spielraum.“

Infos, Projekte und Anmeldung: www.little-art.org

Text: Sebastian Schulke | Fotos: Schwartz Public Relations, Sebastian Schulke